STEFAN ERMISCH IM GESPRÄCH

„VOR UNS LIEGT EINE ENORME, MEHRJÄHRIGE TRANSFORMATION“

 

Wie bewerten Sie das vergangene Jahr?

Stefan Ermisch: 2017 ist erneut ein Jahr des Wandels gewesen, das von den Vorbereitungen auf die Privatisie­rung geprägt war. Auf die haben wir intensiv hingearbeitet, dabei haben unsere Kolleginnen und Kollegen exzellente Arbeit geleistet. Am 28. Februar 2018 war es so weit: Die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein haben mit den vier US-amerikanischen Finanzinvestoren Cerberus Capital Management, J.C. Flowers, GoldenTree Asset Management, Centaurus Capital sowie der österreichischen BAWAG den Verkauf der HSH Nordbank vereinbart. Damit gelingt in Deutschland zum ersten Mal die Privatisierung einer Landesbank – das ist ein historisches Ereignis. Und für uns eine riesige Chance. Wir stehen am Beginn einer spannenden Reise. Allerdings müssen die beiden Länder­parlamente, die Aufsichtsbehörden sowie die Europäische Kommission dem Eigentümerwechsel noch endgültig zustimmen. Auch der nahtlose Übergang vom Sicherungssystem der Sparkassen-Finanzgruppe zum Bundes­verband deutscher Banken muss noch geregelt werden. Da wir hier Neuland betreten, sind die Experten der Sicherungssysteme gefordert, die wir natür­lich nach Kräften unterstützen.

Die HSH Nordbank schließt das Jahr mit einem Verlust von minus 528 Millionen Euro nach Steuern ab. Weshalb?

Stefan Ermisch: Der Verlust resultiert vor allem daraus, dass wir leistungsgestörte Kredite (NPE) aus der Abbaubank in einer Höhe von 6,3 Milliarden Euro an ein Vehikel aus dem Kreis der Investoren verkauft haben. Dafür mussten wir ungeplante Risikovorsorge bilden. Im Gegenzug wird die Bank nahezu vollständig von den Altlasten befreit, die uns seit Jahren massiv belastet haben. Diese Befreiung ist ein entscheidender Schritt für eine erfolgreiche Privatisierung. Die Qualität unseres Portfolios verbessert sich dadurch in einem Rutsch auf ein im europäischen Wettbewerb sehr gutes Niveau – unsere NPE-
Quote sinkt unter zwei Prozent.

Wie lief das operative Geschäft vergangenes Jahr?

Stefan Ermisch: In der Kernbank be­trägt das Ergebnis vor Steuern 732 Millionen Euro, das liegt knapp zehn Prozent über dem Vorjahresergebnis. Dabei profitieren wir auch von der Hebung stiller Reserven, das hilft uns, die Belastungen aus der Vergangenheit tragen zu können. Beim Neugeschäft haben wir mit 8,5 Milliarden Euro fast das gute Vorjahresniveau erreicht und allein 2,3 Milliarden Euro an etwa 120 neue Kunden ausgereicht, was mich besonders freut. Dazu kommt unsere Kernkapital­quote, die mit über 15 Prozent – auch im Vergleich mit Wettbewerbern – sehr solide ist. Unterm Strich haben wir bemerkenswerte strukturelle Erfolge erzielt. Insgesamt ist das Ergebnis zufriedenstellend.

Inwieweit hat die Privatisierung das Neugeschäft beeinflusst?

Stefan Ermisch: Es gab nicht wenige, die an einem Verkauf der Bank gezweifelt und das kundgetan haben. Das sorgt für Unruhe und macht das Geschäft nicht einfacher. Angesichts dieser Rahmenbedingungen hat sich unsere Mannschaft tapfer geschlagen, das Neugeschäft ist wirklich ordentlich.

Ist die Bank für den Wechsel in das private Bankenlager bereits gerüstet?

Stefan Ermisch: Eins nach dem anderen. Wir haben in den vergangenen Jahren durch unsere guten Leistungen und die Verbesserung unserer Strukturen alles getan, damit die Privatisierung gelingt. Aber das allein reicht sicher nicht, wir dürfen uns nicht zurücklehnen. Vor uns liegt eine enorme, mehrjährige Transformation. Wir entwickeln uns von einer Landesbank mit staatlichen Eigen­tümern zu einer Bank mit privaten Aktionären. Einen größeren Unterschied gibt es fast nicht. Für uns wird Veränderung mehr denn je zum Alltag gehören.

Was heißt das konkret?

Stefan Ermisch: Wir müssen künftig viel effizienter arbeiten. Ich möchte das an vier Zielen festmachen. Erstens eine moderate Eigenkapitalrendite von mindestens acht Prozent. Zweitens eine im Vergleich zu anderen Geschäfts­banken angemessene Cost-Income-Ratio von 40 Prozent. Drittens eine dauerhafte Kernkapitalquote von 15 Prozent als unser Sicherheitsmaß. Viertens eine NPE-Quote von unter zwei Prozent, die für die Qualität unseres Portfolios steht.

 

Sind das die anspruchsvollen Ziele der neuen Eigentümer?

Stefan Ermisch: Diese Ansprüche sind keinesfalls übertrieben. Die müssen wir an uns selbst stellen, denn wir wollen wettbewerbsfähig sein. Übrigens hat auch die Europäische Kommission ganz klare Vorstellungen von der künftigen Rentabilität unserer Bank, genau wie von der Rentabilität anderer Geldinstitute. Sie erteilt nur dann eine Genehmigung zur Privatisierung, wenn der Nachweis der Lebensfähigkeit erbracht wird – die genannten Leistungsindikatoren spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die Kommission will eine starke, wirtschaftlich erfolgreiche Bank, die stabil im Markt steht. Und genau das will das Management auch.

 

Wird sich das Geschäftsmodell der Bank ändern? 

Stefan Ermisch: Auch künftig werden wir eine Commercial Bank mit dem Kredit als Ankerprodukt sein, allerdings mit einem neuen Namen. Unsere aktuellen Geschäftsbereiche bilden das Gerüst der neuen Bank. Gleichzeitig werden wir unseren Horizont mit Augenmaß erweitern. Das wird möglich, weil nach dem für das zweite oder dritte Quartal erwarteten Closing die Restriktionen aus dem EU-Beihilfeverfahren wegfallen.

 

Wie könnte eine Erweiterung der Aktivitäten aussehen? 

Stefan Ermisch: Perspektivisch können wir unser Immobiliengeschäft behutsam auf einige internationale Märkte ausdehnen. Unseren Standort in Singapur, dem Wachstumszentrum Asiens, werden wir stärken, im Kapitalmarktgeschäft ergeben sich neue Möglichkeiten. Die Finanzierung von Infrastrukturprojekten und Erneuerbaren Energien betreiben wir heute bereits außerhalb Deutschlands, hier werden wir unseren Radius noch etwas ausweiten. Unseren klar auf Sektoren fokussierten Auftritt im deutschen Mittelstand werden wir trotz des Verdrängungswettbewerbs sorgfältig intensivieren und dabei mehr Dienstleistungen verkaufen und so unsere zinsunabhängigen Erträge verbessern.

 

Werden strukturelle und personelle Veränderungen notwendig? 

Stefan Ermisch: Wir stehen vor der Aufgabe, eine ehemals öffentlich-rechtliche Bank, die einst eine Bilanzsumme von gut 200 Milliarden Euro hatte, in ein privates Institut mit einer Zielbilanzsumme von unter 60 Milliarden Euro umzuwandeln. Mit unseren Sozialpartnern haben wir bereits vor Jahren einen notwendigen Kapazitätsabbau auf unter 1.600 Vollzeitarbeitsplätze bis Mitte 2019 vereinbart. Mit der erfolgreichen Privatisierung werden alle Themen rund um die Abbaubank entfallen, denn die gibt es dann nicht mehr. Wir werden uns den neuen Aufgaben der Zukunft stellen.

 

Was heißt das?

Stefan Ermisch: Wir wollen zu einer agilen und mittelständisch geprägten, exzellenten Geschäftsbank werden. Notwendige personelle Anpassungen werden wir zum richtigen Zeitpunkt mit den Sozialpartnern besprechen. Generell geht es darum, unsere noch zu komplexen Backoffice-Strukturen, die teilweise noch aus den alten Zeiten stammen, zu verschlanken und den Vertrieb sinnvoll zu stärken. Wir werden die Geschwindigkeit erhöhen, agiler werden und unabhängiger von starren Hierarchien arbeiten. Das bedeutet auch eine Veränderung unserer Führungskultur. Wir brauchen mehr Kreativität, mehr Vielfalt. Unser Ziel ist es, eine neue Bank zu schaffen, die mit ihren privaten Aktionären erfolgreich ist. Ich sehe großes Potenzial in der neuen Bank.